Kurzantwort: Ja – nicht das ganze Internet, aber große Dienste darin. Eine einzige zusätzliche Sekunde, die sogenannte Schaltsekunde, hat 2012 Reddit rund eineinhalb Stunden vom Netz genommen und 2017 Störungen beim DNS-Dienst von Cloudflare ausgelöst. Genau deshalb haben die obersten Zeithüter der Welt am 15. Oktober 2026 beschlossen, die Schaltsekunde abzuschaffen. Ab dem 20. Mai 2027 läuft die Weltzeit UTC ohne Sprünge weiter.
Warum es Schaltsekunden überhaupt gibt
Unsere offizielle Zeit kommt von Atomuhren, die extrem gleichmäßig ticken. Die Erde dreht sich dagegen nicht ganz regelmäßig – Gezeiten, Meeresströmungen und Vorgänge im Erdkern bremsen oder beschleunigen sie minimal. Damit die Atomzeit UTC nicht von der Erdrotation (UT1) wegdriftet, wurde seit 1972 bei Bedarf am 30. Juni oder 31. Dezember eine Extrasekunde eingeschoben: Die Uhr zeigte dann 23:59:60. Das kam 27-mal vor, zuletzt Ende 2016.
2012: Als Reddit eine Sekunde zu viel bekam
In der Nacht auf den 1. Juli 2012 traf es mehrere bekannte Websites gleichzeitig. Wie Wired rekonstruierte, verhedderte sich ein Zeitgeber-Subsystem des Linux-Kernels namens „hrtimer“ an der Extrasekunde. Die betroffenen Server wurden plötzlich überlastet; bei Reddit drehten sich Java-Prozesse der Datenbank Cassandra in Endlosschleifen und fraßen die gesamte Rechenleistung. Reddit war rund 30 bis 40 Minuten kaum benutzbar und etwa eineinhalb Stunden komplett offline. Auch Mozilla und Gawker Media hatten Probleme, laut Guardian kam es bei Qantas zu Flugverspätungen.
Linux-Erfinder Linus Torvalds sagte damals sinngemäß, man finde bei fast jeder Schaltsekunde einen neuen Fehler. Der Grund: Solcher Code läuft praktisch nie und wird deshalb im Alltag kaum getestet.
2017: Cloudflare und die rückwärts laufende Zeit
Viereinhalb Jahre später erwischte es Cloudflare. Zur Schaltsekunde zum Jahreswechsel 2016/17 ging die Zeit auf manchen Servern scheinbar eine Sekunde zurück. Eine Funktion in Cloudflares DNS-Software, die Antwortzeiten misst, maß dadurch negative Werte. Ein Programmteil, der damit nicht umgehen konnte, brach ab, und manche DNS-Anfragen liefen ins Leere. In der Spitze waren laut Cloudflare rund 0,2 Prozent der DNS-Anfragen betroffen, weniger als ein Prozent aller HTTP-Anfragen schlug fehl. Erst nach knapp sieben Stunden war die Störung überall behoben.
Die eigentliche Gefahr: eine Sekunde weniger
Seit einigen Jahren dreht sich die Erde wieder etwas schneller. Statt einer zusätzlichen hätte bald erstmals eine negative Schaltsekunde nötig werden können – eine Minute mit nur 59 Sekunden. Laut heise schätzten Experten die Wahrscheinlichkeit dafür bis 2035 auf 30 Prozent. Das Problem: So etwas wurde noch nie angewendet, entsprechend ungetestet ist viele Software. Setnam Shemar vom britischen National Physical Laboratory warnt im Guardian, Telekommunikation, Stromnetze und Navigation könnten aus dem Takt geraten. Weltweit alle Systeme zu testen, wäre extrem teuer – das gab den Ausschlag.
Was jetzt beschlossen wurde
Die 28. Generalkonferenz für Maß und Gewicht in Versailles verabschiedete am Donnerstag die Resolution 5. Ab 20. Mai 2027 gibt es keine Schaltsekunden mehr; UTC darf künftig bis zu 3.600 Sekunden von der Erdrotation abweichen. Erst dann wäre eine „Schaltstunde“ fällig – laut heise erst in mehr als 1.000, vielleicht sogar 3.000 Jahren. Der Wissenschaftsjournalist Daniel Fischer fasste es auf X zusammen:
- Bisher: 27 Schaltsekunden seit 1972, zuletzt Ende 2016.
- Neu: kontinuierliche UTC ab 20. Mai 2027, maximal eine Stunde Abweichung zur Erdrotation.
- Kurios: GPS ignoriert Schaltsekunden schon heute und geht UTC 18 Sekunden voraus, Russlands GLONASS übernimmt sie direkt.
- Nächster Schritt: Für 2030 wird eine Neudefinition der Sekunde vorbereitet, voraussichtlich auf Basis optischer Atomuhren.
Unsere Antwort auf die Titel-Frage
Kann eine einzige Sekunde das Internet lahmlegen? Das ganze Internet nicht – aber sie hat nachweislich große Dienste wie Reddit und Teile von Cloudflare ins Straucheln gebracht. Firmen wie Google behalfen sich mit Tricks und verteilten die Extrasekunde in winzigen Schritten über viele Stunden („Leap Smear“). Mit dem Beschluss von Versailles verschwindet dieses Risiko ab Mai 2027. Im Alltag in Österreich merkt man davon nichts: Handy, PC und Funkuhr zeigen weiter die gewohnte Zeit – nur Programmierer müssen sich um 23:59:60 nie wieder Sorgen machen.
Quellen
- BIPM – Resolution 5 der 28. CGPM: Continuity of UTC (15.10.2026): https://www.bipm.org/en/cgpm-2026/resolution-5
- BIPM – Statement des CCTF-Präsidenten zur CGPM 2026 (15.10.2026): https://www.bipm.org/documents/d/guest/statement-cctf-president-cgpm-2026
- heise – Schaltsekunde abgeschafft: Jetzt kommt die Schaltstunde (15.10.2026): https://www.heise.de/news/Nie-mehr-Schaltsekunden-11490060.html
- The Guardian – How an accelerating Earth led experts to adopt the leap hour (15.10.2026): https://www.theguardian.com/science/2026/oct/15/times-up-for-the-leap-second-as-scientists-swap-it-for-the-leap-hour
- Wired – The Inside Story of the Extra Second That Crashed the Web (2.7.2012): https://www.wired.com/2012/07/leap-second-glitch-explained/
- Cloudflare Blog – How and why the leap second affected Cloudflare DNS (1.1.2017): https://blog.cloudflare.com/how-and-why-the-leap-second-affected-cloudflare-dns/
- Daniel Fischer (@cosmos4u) auf X (15.10.2026): https://x.com/cosmos4u/status/2110730655386734695
Hinweis: Dieser Artikel wurde mit KI-Unterstützung erstellt und redaktionell geprüft.




