Am Samstagabend hat ein kräftiger Sonnensturm die Erde getroffen. Laut dem US-Weltraumwetterdienst der NOAA erreichte er zeitweise die Stufe G3, also „stark“ auf der fünfstufigen Skala. In Norddeutschland leuchteten Polarlichter, in Österreich verdeckten vielerorts Wolken den Himmel. Doch können solche Stürme nicht auch Technik lahmlegen? Und könnte ein richtig heftiger Sonnensturm sogar das Internet abschalten? Wir haben nachgesehen, was die Forschung dazu sagt.
Was bei einem Sonnensturm passiert
Bei großen Ausbrüchen schleudert die Sonne Wolken aus elektrisch geladenem Gas ins All, die laut NASA Milliarden Tonnen wiegen können. Fachleute nennen sie koronale Massenauswürfe. Treffen sie einen Tag oder mehr später auf das Magnetfeld der Erde, gerät es ins Schwanken. Dabei entstehen elektrische Felder im Boden, die in langen Leitungen Ströme erzeugen: in Stromnetzen, Pipelines und Kabeln. Das sind die sogenannten geomagnetisch induzierten Ströme.
Was Sonnenstürme schon angerichtet haben
Wie heftig es werden kann, zeigte das Carrington-Ereignis im September 1859, der stärkste bekannte Sonnensturm. Polarlichter waren laut NASA bis nach Kuba zu sehen, Telegrafenleitungen sprühten Funken, einige Telegrafenämter fingen Feuer. Im März 1989 brach nach einem Sonnensturm das Stromnetz der kanadischen Provinz Québec in weniger als einer Minute zusammen. Laut dem Netzbetreiber Hydro-Québec blieb die Provinz mehr als neun Stunden dunkel. Und im Juli 2012 raste ein Ausbruch in Carrington-Stärke knapp an der Erde vorbei. Wäre er nur eine Woche früher gekommen, hätte er laut dem US-Forscher Daniel Baker die Erde getroffen.
Glasfasern sind immun, Seekabel umstritten
Die gute Nachricht: Glasfasern leiten keinen Strom, induzierte Ströme können ihnen nichts anhaben. Die Schwachstelle sitzt woanders. Lange Kabel brauchen laut einer viel beachteten Studie der Informatikerin Sangeetha Abdu Jyothi von der University of California, Irvine, alle 50 bis 150 Kilometer Verstärker, sogenannte Repeater. Diese werden über einen elektrischen Leiter mit Strom versorgt und könnten bei einem extremen Sturm ausfallen. Jyothi warnte 2021 vor Internetausfällen, die große Teile der Welt monatelang treffen könnten, und sah Seekabel stärker gefährdet als Landkabel.
Google widerspricht. Nach Messungen an mehreren Seekabeln kamen Google-Fachleute 2022 zu dem Schluss, dass ein Sturm wie 1859 die Spannung in einem Seekabel nur um etwa 800 Volt erhöhen würde. Kabel wie Googles Transatlantik-Leitungen verkraften laut dem Unternehmen typischerweise Schwankungen von bis zu 6.000 Volt. Das Risiko großflächiger Schäden an Seekabeln sei daher gering.
Die echten Schwachstellen: Satelliten und Strom
Verwundbarer sind Satelliten. Im Februar 2022 verlor SpaceX 38 frisch gestartete Starlink-Satelliten, weil schon ein mäßiger Sturm die obere Atmosphäre aufblähte und die Satelliten zu stark bremste. Beim stärksten Sturm seit 2003 im Mai 2024 meldeten Starlink-Kunden zeitweise Ausfälle. In den USA mussten Landwirte ihre GPS-gesteuerten Traktoren stehen lassen, weil die Positionsdaten zu ungenau wurden.
Das größte Risiko ist aber das Stromnetz, denn ohne Strom laufen weder Rechenzentren noch Router. Starke induzierte Ströme können große Transformatoren beschädigen, deren Reparatur laut NASA Jahre dauern kann. Eine Studie der Nationalen Akademie der Wissenschaften der USA schätzt den Schaden eines Carrington-Sturms heute auf mehr als zwei Billionen US-Dollar. Fällt das Internet aus, dann wohl eher als Folge eines Blackouts als durch den Sturm selbst.
Wie gut ist Österreich vorbereitet?
Besonders gefährdet sind laut Hydro-Québec Netze in hohen Breiten wie in Skandinavien, Alaska oder Nordrussland. Immun ist Mitteleuropa aber nicht. Der Übertragungsnetzbetreiber APG misst deshalb gemeinsam mit der TU Graz an neun Transformatoren im österreichischen Netz, wie stark solche Ströme ausfallen. Beim Sonnensturm im Mai 2024, als auch über Kärnten Polarlichter zu sehen waren, zeichneten die Geräte die Ströme auf. Ein Simulationswerkzeug soll zudem vorhersagen, welche Ströme im Netz zu erwarten sind. Laut APG ist Österreich damit auf einen möglichen Ernstfall vorbereitet.
Bessere Vorwarnungen soll ab 2031 die ESA-Sonde Vigil liefern. Sie beobachtet die Sonne von der Seite und soll bestimmte Effekte laut ESA bis zu vier bis fünf Tage im Voraus erkennen. Das Magnetometer an Bord entsteht unter anderem am Grazer Institut für Weltraumforschung.
Die Gefahr könnte größer sein als gedacht
Wie wahrscheinlich ein Extremsturm ist, lässt sich nur grob abschätzen: Studien kommen laut Jyothi auf 1,6 bis 12 Prozent pro Jahrzehnt. Eine im Juli 2026 in „Nature“ veröffentlichte Studie unter Leitung von Nithin Sivadas vom NASA Goddard Space Flight Center mahnt zudem zur Vorsicht. Die bisher angenommene Obergrenze, wie stark das Erdmagnetfeld auf extremen Sonnenwind reagiert, sei vor allem eine Folge von Messunsicherheiten. Bei einem echten Extremsturm könnten die Störungen demnach doppelt so stark ausfallen wie bisher geschätzt.
Unsere Antwort
Ein Sonnensturm wie am Samstag schaltet das Internet nicht ab. Bei Stufe G3 sind laut NOAA vor allem zeitweise Störungen bei Funk und Satellitennavigation möglich, größere Schäden wurden bisher nicht bekannt. Ein Extremsturm wie 1859 ist selten, aber realistisch. Er würde das Internet kaum über die Glasfasern treffen, wohl aber über Satelliten, vielleicht über Seekabel und vor allem über das Stromnetz. Die beste Versicherung sind frühe Warnungen und robuste Stromnetze. Wie das Stromnetz mit Lastspitzen umgeht, haben wir im Artikel „Was passiert mit dem Stromnetz, wenn GTA 6 erscheint?“ erklärt.
Quellen
- NOAA Space Weather Prediction Center – Alerts, Watches and Warnings (Alarme G3 vom 10.10.2026, abgerufen 11.10.2026): https://www.swpc.noaa.gov/products/alerts-watches-and-warnings
- NOAA Space Weather Prediction Center – NOAA Space Weather Scales (abgerufen 11.10.2026): https://www.swpc.noaa.gov/noaa-scales-explanation
- oe24 – Heftiger Sonnensturm: Polarlichter bis nach Österreich (10.10.2026): https://www.oe24.at/a/heftiger-sonnensturm-polarlichter-bis-nach-oesterreich-900122846
- Nikolas Zimmermann (UBIMET) auf X (10.10.2026): https://x.com/nikzimmer87/status/2108982166897975438
- NASA Science – Near Miss: The Solar Superstorm of July 2012 (2014): https://science.nasa.gov/science-research/planetary-science/23jul_superstorm/
- Hydro-Québec – March 1989 Blackout (abgerufen 11.10.2026): https://www.hydroquebec.com/learning/notions-de-base/tempete-mars-1989.html
- Sangeetha Abdu Jyothi – Solar Superstorms: Planning for an Internet Apocalypse, ACM SIGCOMM 2021: https://conferences.sigcomm.org/sigcomm/2021/files/papers/3452296.3472916.pdf
- Google Cloud Blog – Does the internet need sunscreen? No, submarine cables are protected from solar storms (17.11.2022): https://cloud.google.com/blog/products/infrastructure/are-internet-subsea-cables-susceptible-to-solar-storms
- Journal of Space Weather and Space Climate – Unexpected space weather causing the reentry of 38 Starlink satellites in February 2022: https://www.swsc-journal.org/articles/swsc/full_html/2022/01/swsc220018/swsc220018.html
- SiliconANGLE – Geomagnetic storm disrupts tractor navigation systems across numerous US farms (13.05.2024): https://siliconangle.com/2024/05/13/geomagnetic-storm-disrupts-tractor-navigation-systems-across-numerous-us-farms/
- APG – Sonnenstürme und deren Auswirkungen auf das Stromnetz (abgerufen 11.10.2026): https://www.apg.at/projekte/sonnenstuerme-und-deren-auswirkungen-auf-das-stromnetz/
- TU Graz, IEAN – Geomagnetisch induzierte Ströme (abgerufen 11.10.2026): https://www.tugraz.at/institute/iean/forschung/forschungsgebiete/dynamik-und-stabilitaet-elektrischer-netze/geomagnetisch-induzierte-stroeme
- ESA – Vigil mission overview (abgerufen 11.10.2026): https://www.esa.int/Space_Safety/Vigil/Vigil_mission_overview
- Nature – Regression to the mean can explain saturation of geomagnetic storms (15.07.2026): https://www.nature.com/articles/s41586-026-10757-4
- University of Alaska Fairbanks, Geophysical Institute – Extreme solar storms can hit Earth harder than thought (28.08.2026): https://www.gi.alaska.edu/news/extreme-solar-storms-can-hit-earth-harder-thought
Hinweis: Dieser Artikel wurde mit KI-Unterstützung erstellt und redaktionell geprüft.



