ChatGPT, Gemini und Co. laufen heute fast immer in riesigen Rechenzentren: Das Handy schickt die Frage ins Internet und bekommt die Antwort zurück. Geht es nach mehreren KI-Firmen, soll sich das bald ändern. Sie wünschen sich Smartphones, die bis 2028 KI-Modelle mit mindestens 100 Milliarden Parametern direkt auf dem Gerät betreiben, und zwar rund um die Uhr. Das hat Qualcomm-Chef Cristiano Amon verraten. Aber ist so viel On-Device-KI überhaupt realistisch? Wir haben nachgerechnet.
Was Amon gesagt hat
Amon sprach mit dem US-Journalisten Alex Heath für dessen Podcast und Newsletter „Sources“. Das Gespräch wurde live beim Snapdragon Summit von Qualcomm auf Hawaii aufgezeichnet und am 8. Oktober veröffentlicht. Laut Amon fragen KI-Unternehmen schon jetzt bei Qualcomm an, bis 2028 Modelle mit mindestens 100 Milliarden Parametern auf Smartphones zu unterstützen, wobei die KI ständig laufen soll. Welche Firmen das sind, wollte er laut Startup Fortune nicht sagen.
Wichtig ist die Einordnung: Das ist keine Produktankündigung. Qualcomm verspricht keinen Handychip für 2028, der das kann. Es ist ein Wunsch von Kunden, den einer der wichtigsten Chiphersteller für Android-Smartphones öffentlich gemacht hat.
Was ist ein Parameter überhaupt?
Parameter sind vereinfacht gesagt die gelernten Zahlenwerte eines KI-Modells, gewissermaßen sein gespeichertes Wissen. Je mehr Parameter, desto leistungsfähiger ist ein Modell in der Regel, desto mehr Speicher und Rechenleistung braucht es aber auch. Denn die Werte müssen im Arbeitsspeicher liegen. Komprimiert man jeden Parameter auf 4 Bit, ergibt das für 100 Milliarden Parameter rechnerisch rund 50 Gigabyte, bei 2 Bit immer noch etwa 25 Gigabyte. Und das nur für das Modell, ohne Betriebssystem und Apps.
Zum Vergleich: Microsofts neues Surface Laptop Ultra kann laut Hersteller mit bis zu 128 Gigabyte Arbeitsspeicher KI-Modelle mit mehr als 120 Milliarden Parametern lokal ausführen. Das ist allerdings ein großes 15-Zoll-Notebook mit entsprechendem Akku und Kühlung, kein Gerät für die Hosentasche.
Was Handys heute schon schaffen
Bei null fängt Qualcomm nicht an. Ende September hat das Unternehmen beim Snapdragon Summit seine neuen Spitzenchips Snapdragon 8 Elite Gen 6 und 8 Elite Extreme Gen 6 vorgestellt, gefertigt im 2-Nanometer-Verfahren. Die KI-Einheit der Extreme-Variante, die Hexagon NPU, kann laut Startup Fortune sogenannte Mixture-of-Experts-Modelle mit mehr als 30 Milliarden Parametern direkt auf dem Gerät ausführen, bei einem Kontextfenster von rund 32.000 Tokens. Das Kontextfenster ist so etwas wie das Kurzzeitgedächtnis des Modells.
Mixture of Experts (MoE) ist dabei ein wichtiger Kniff: Das Modell besteht aus vielen spezialisierten Teilnetzen, von denen bei jedem Rechenschritt nur wenige arbeiten. Wie groß der Unterschied sein kann, zeigt Microsofts Programmiermodell MAI Code 1.1 Flash: Es hat insgesamt 137 Milliarden Parameter, aktiv sind aber jeweils nur 6,8 Milliarden. Das spart Rechenleistung. Bereitliegen muss das Modell aber trotzdem vollständig.
Das eigentliche Problem: Dauerbetrieb
100 Milliarden Parameter wären mehr als das Dreifache dessen, was die Extreme Gen 6 heute schafft. Dazu kommt der Wunsch nach Dauerbetrieb. Ein lokales Modell wird heute meist für eine Aufgabe geladen und danach wieder beendet. Ein KI-Assistent, der ständig mitdenkt, muss dagegen permanent im Speicher bleiben und im Hintergrund rechnen. Laut Startup Fortune vervielfacht das die Anforderungen an Speicherbandbreite und Akku. Das Handy soll dabei weder zu Mittag heiß werden noch am Nachmittag leer sein.
Hinzu kommt die Speicherkrise. Amon räumt laut Startup Fortune eine „vorübergehende“ Knappheit bei Speicherchips für Smartphones ein, sieht darin aber einen Antrieb für sparsamere Chipdesigns. Um dieselben Speicherchips und dieselben Fertigungskapazitäten konkurrieren allerdings auch die Betreiber von KI-Rechenzentren, die bei Nvidia, AMD und Co. einkaufen.
Warum KI-Firmen das überhaupt wollen
Amon spricht von agentischer KI: Assistenten, die Apps selbst bedienen, den persönlichen Kontext kennen und im Auftrag ihrer Nutzer handeln. Er vergleicht die Lage mit den Anfängen des iPhones, als die Apps, die das Smartphone später prägten, größtenteils noch gar nicht erfunden waren. Laut Amon könnte das einen neuen Superzyklus auslösen, also eine große Welle an Handykäufen. Viele Menschen würden wegen der stark gestiegenen Speicherpreise mit dem Neukauf ohnehin warten.
Lokale KI hätte auch handfeste Vorteile: Sie funktioniert ohne Netz, braucht keinen Umweg über fremde Server, und persönliche Daten müssen das Gerät nicht verlassen. Gerade bei einem Assistenten, der E-Mails, Fotos und Termine kennt, ist das ein starkes Argument.
Qualcomm denkt dabei über das Handy hinaus. Am meisten verspricht sich Amon von smarten Brillen, die einen KI-Assistenten nahe an Augen, Ohren und Mund bringen. Laut einem Bericht von Fortune arbeitet er mit so gut wie allen großen KI-Firmen an noch nicht vorgestellter Hardware, auch jenseits von Smartphones.
Unsere Antwort
Heute: nein. Die stärksten Handychips schaffen laut den verfügbaren Angaben Modelle mit gut 30 Milliarden Parametern, und auch das nicht dauerhaft im Hintergrund. 2028: vielleicht, aber kaum ohne Kompromisse. Das Ziel stammt von KI-Firmen und nicht aus einem Qualcomm-Fahrplan. Ob Akku und Kühlung eines flachen Smartphones das leisten können, ist eine offene Frage, die laut Startup Fortune auch Qualcomm noch nicht beantwortet hat. Wahrscheinlicher ist zunächst ein Mix: Kleinere Modelle laufen ständig auf dem Handy, für schwierige Aufgaben hilft weiterhin die Cloud. Microsoft nennt dieses Prinzip am PC „hybride Intelligenz“, mehr dazu in unserem Artikel zum Surface Laptop Ultra.
Quellen
- Sources (Alex Heath) – Qualcomm’s CEO on the coming AI phone supercycle (08.10.2026): https://sources.news/p/qualcomm-ceo-ai-phone
- Startup Fortune – Qualcomm’s CEO says AI firms want phones running 100-billion-parameter models by 2028 (11.10.2026): https://startupfortune.com/qualcomms-ceo-says-ai-firms-want-phones-running-100-billion-parameter-models-by-2028/
- Techtember – Qualcomm CEO Says AI Firms Want Phones Running 100-Billion-Parameter Models by 2028 (11.10.2026): https://techtember.news/article/qualcomm-amon-100b-phones-2028/
- TokenPost (10.10.2026): https://www.tokenpost.com/news/technology/29601
- Windows Experience Blog – Building Windows for hybrid intelligence (07.10.2026): https://blogs.windows.com/windowsexperience/2026/10/07/building-windows-for-hybrid-intelligence/
- Qualcomm auf X – Cristiano Amon beim Snapdragon Summit (23.09.2026): https://x.com/Qualcomm/status/2102888387053031875
Hinweis: Dieser Artikel wurde mit KI-Unterstützung erstellt und redaktionell geprüft.




